Schotten GP 2010

Historischer Motorradrennsport in der Innenstadt von Schotten
22. Internationaler VFV/ADAC „Schottenring Classic Grand-Prix”,
oder wie bringe ich es Melanie bei.


Ein neuer Anlauf in Schotten, vor zwei Jahren hatte ich mich in Schotten zum VFV Lauf angemeldet. Das Resultat war; Bänderzerrung, Fußgelenk defekt und Krücken. In diesem Jahr sollte es ganz anders werden. Hätte begleitete mich auch dieses Jahr wieder und reiste bereits am Donnerstag an. Sein Auftrag war es, einen Platz mit Strom und ohne Löcher zu finden. Diesen Auftrag erfüllte er perfekt. Nachdem wir alles aufgebaut hatten, schlenderten wir durch das Fahrerlager, welches sich wie ein Freilichtmuseum zeigte. Statt nur ansehen und nicht anfassen, geschweige den anhören, bot sich hier ein ganz anderes Bild. Da wurde geschraubt, Motoreinstellungen ausprobiert und immer wieder bellende Gasstösse um die Motoren warmlaufen zu lassen. Da sitzen sie neben ihren Wohnwagen oder mobilen Eigenheimen, in ihrem temporären Vorgarten mindestens eins, zumeist aber gleich mehrere der handverlesenen Krafträder ausgestellt, die jedem Museum zur Ehre gerecht würden. Rege Gespräche führen sie, die gemeinsam alt gewordenen, aber jung gebliebenen Restaurateure und zumeist auch noch immer aktiven Rennfahrer. Jeder für sich ein Künstler, diese wertvollen historischen Maschinen am Leben zu halten, geschweige sie dann auch noch dem Volk im Renn-Modus und voller Hatz vorzuführen. Da lehnt dann einer lässig im Campingstuhl, mit grauem Haar und wachen Blick. „Das ist eine der ersten NSU-Motorräder überhaupt, von 1904, eine von vielleicht noch sechs existierenden Krafträdern dieser Gattung. Und NSU baute erst ab 1903 offiziell die ersten Motorräder.“ Akribisch gepflegt, restauriert und die Geschichte nebst Krad am Leben erhalten: „Na klar, Ersatzteile gibt es dafür nimmer mehr. Da musst du nach alten Plänen fahnden und dann die Teile so dicht wie möglich am Original neu anfertigen. Aber ich besitze die Maschine auch bereits über 16 Jahre. Die habe ich im desolaten Zustand erstanden und nach und nach mit viel Geduld, gemäss ihrem ursprünglichen Zustand wieder aufgebaut, passend zur Kategorie der Antik-Klasse hier in Schotten.“ Solche, oder ähnliche Geschichten hörte man im ganzen Fahrerlager. Ab 18.00 Uhr wurde die High Society beim alten Rathausplatz vorgestellt. Ralf Waldmann, Dieter Braun, Svend Andersson, Steve Baker, Gustel Hobel, Heinz Rosner etc. alle waren sie dort.

Am Samstag brennt nebenan die Strasse mitsamt der Luft darüber, da brüllt und kreischt es, hallt es zwischen den Häuserwänden her, geht’s wie entfesselt dicht am Gartenzaun entlang und über den Post-Vorplatz weiter, rüber über den Dorfbach und nach der scharfen Rechts steil in wilder Hatz den Berg hinauf. Den über 20.000 Zuschauern an diesem Wochenende fast über die Füsse, nur getrennt von ein paar in weissen Folien verpackten Strohballen. Die ersten Trainingsläufe haben begonnen. Auch die Klasse F rollte an den Vorstart und ich war mitten drin mit der kleinen MV von Melanie. Vor über zehn Jahren waren wir als MV Sonderlauf hier am Start, es war wie damals ein erhabenes Gefühl. Die Zuschauer säumten den Weg zum Vorstart, die Fotoapparate wurden gezückt und die Daumen gingen begleitet von einem Lächeln in die Höhe. Achim gab den Start frei zu den Trainingsläufen und mit lautem Motorensound machten wir uns auf die Strecke. Es ist gar nicht so einfach hier in Schotten. Da es sich um einen Strassenkurs handelt, hat es viele Wellen und Abwasserkanaldeckel auf der Ideallinie, begleitet von Strassenmarkierungen. Aber es macht Spass, und die Zuschauer sind voll mit dabei und applaudieren den Fahrern bei jedem Überholmanöver, nicken anerkennend und fachsimpeln über die verschiedenen Motorräder und Fahrstiele. Die kleine MV läuft irgendwie nicht ganz sauber, in jedem Gang hat sie bei 6500 Umdrehungen kurze Aussetzer und man muss das Gas kurz etwas zudrehen. Auf der Start – Zielgeraden verloren wir etwas an Boden auf die Konkurrenz, was aber beim Anbremsen zur Postkurve wieder wett gemacht wurde. Die anschliessende Schikane beim Bahnhof ging recht flott und mit ganzem Schwung auf die Gegen-gerade. Das Anbremsen der scharfen Rechtskurve den Berg hinauf, war ein idealer Ort um die Konkurrenz auszubremsen. Nach fünf Runden war dann aber Schluss. Nach der Postkurve nahm die MV das Gas nicht mehr zurück und drehte nur noch hoch, begleitet von starken Vibrationen und komischen Geräuschen. In der Auslaufzone zur Schikane am Bahnhof wartete ich auf den Schandwagen, welcher aber schon mit zwei 50ccm Rennmaschinen belegt war. So dem Publikum präsentiert wurden wir unter Beifall ins Fahrerlager zurückgebracht. Dort angekommen machten sich Hätte und ich auf die Fehlersuche und zerlegten die MV. Der Verdacht auf Kurbelwellenbruch zerschlug sich aber schnell und wir suchten weiter. Zündungsseitig war auch alles okay. Das Gaskabel war aber nicht an seinem Platz, was das Hochdrehen verursachte. Also nochmals laufen lassen und sofort wieder abschalten, diese Symptome hatten wir schon einmal, und auch damals war Hätte dabei (Hockenheim vor vier Jahren). Der Zylinderfuss hatte einen Riss und somit war das unternehmen Schotten zum zweiten Mal gescheitert. Trotz dieser Niederlage haben wir das Wochenende in Schotten genossen und uns an anderen Dingen erfreut. Da war z.B. das Bimota-Treffen in der Postkurve, die diversen Rennläufe und Ausstellungen von Yamaha und Audi. Die vielen kleinen Veranstaltungen in der Altstadt mit Live-Konzerten und Strassenkaffees. Kulturelle und kulinarische Besonderheiten, so wie ein Sternenhimmel mit vielen Sternschnuppen, die uns vom Schlafengehen abhielten. Auch dieses Wochenende hatte viele Höhepunkte, die uns über die Niederlagen hinweg trösten.
 

Andy Ruch